Der andere Blick auf Weihnachten

Weihnachten zwischen Verbandsmaterial und Vanilleduft

Wenn Notdienste das Fest bestimmen: Weihnachten in der Apotheke

Weihnachten bedeutet für viele festlich geschmückte Wohnzimmer, flackernde Kerzen und gemütliche Abende mit der Familie. Doch während Schorndorf, Waiblingen oder Welzheim stiller werden, brennt in einigen Apotheken weiterhin Licht. Der Notdienst macht auch an den Feiertagen keine Pause. Im Rems- Murr-Kreis rotieren die Häuser in einem festen Rhythmus, doch durch die sinkende Zahl an Apotheken steigt die Belastung für die verbliebenen Betriebe. Apotheker Thorsten Leiter, Inhaber der Daimler Apotheke, Uhland Apotheke und Dr. Palm’ sche Apotheke in Schorndorf, beschreibt die Situation so. „Wir haben im Jahr über 50 Notdienste, und durch die geringere Apothekenzahl wird das für alle intensiver.“ Dieses Jahr dürfen seine Teams an Weihnachten durchatmen, doch 2026 stehen wieder Heiligabend und Silvester im Dienstplan.

Zwischen Kundenandrang und Kerzenlicht


Die Feiertagsdienste sind eine besondere Mischung aus Routine und Ausnahmesituation. Viele Anliegen gleichen denen eines normalen Notdienstes, werden jedoch durch die emotional aufgeladene Atmosphäre der Weihnachtstage verstärkt. „Für Eltern mit fiebernden Kindern ist es egal, ob Heiligabend ist oder ein Mittwoch im März. Sie brauchen Hilfe und Medikamente. Und genau deshalb sind wir da“, sagt Thorsten Leiter. Zu den Klassikern gehören fiebersenkende Mittel, Schmerztabletten, etwas gegen Ohrenschmerzen oder Magenmittel nach üppigen Festessen. Trotzdem unterscheiden sich die Weihnachtstage. Die Stimmung ist ruhiger, die Stadt stiller, die Straßen leerer. Nur Taxifahrer und Rettungsdienste kreuzen noch den Weg.
Im Gegensatz dazu steigt in der Apotheke manchmal die Frequenz deutlich an. Am zweiten Weihnachtsfeiertag können schon mal über 300 Kunden vor der Notdienstklappe oder in der Apotheke stehen. Das Einzugsgebiet reicht dabei weit über Schorndorf hinaus bis ins obere Remstal und sogar nach Göppingen.

Ein Geschenk in letzter Minute

Besonders lebendig sind die Erinnerungen von Gerhard Leiter, der über 45 Jahre als Apotheker in Schorndorf tätig war und viele Weihnachtsdienste erlebt hat. Ein Erlebnis ist ihm bis heute unvergessen. „Gegen neun Uhr abends kam ein junger Mann völlig verzweifelt. Er war spontan zum Weihnachtsessen eingeladen und hatte kein Geschenk für die Schwiegermutter in spe.“ Leiter half so gut er konnte. „Ich sollte die teuerste Creme weihnachtlich verpacken. Erst später stellte ich fest, dass ich eine Faltencreme erwischt hatte. Bis heute hoffe ich, dass das gut angekommen ist.“ Neben diesen heiteren Momenten gab es in früheren Jahren auch typische Weihnachtsnotfälle. Verbrennungen durch echte Kerzen waren keine Seltenheit, ebenso vergessene Schnuller, Babynahrung oder kleine Küchenunfälle nach der Bescherung.

Die Daimler Apotheke in Schorndorf.
Foto: Heiko Potthoff
Heiko Potthoff – Aussenaufnahme Daimler Apotheke

Kindheit unterm Apothekenlicht

Auch Thorsten Leiter verbindet prägende Kindheitserinnerungen mit den Diensten seines Vaters. Heiligabende fanden manchmal nicht zuhause, sondern in den Räumen der damaligen Daimler Apotheke statt. „Wir saßen auf engem Raum, hatten eine einzige Kerze und wärmten unser Weihnachtsessen im Labor auf. Diese Abende gehören zu meinen eindrücklichsten Kindheitserinnerungen.“ Der besondere Rahmen hat sich eingeprägt und begleitet ihn bis heute.

Ein stiller Dienst der Menschlichkeit

Trotz aller Herausforderungen empfinden viele Apotheker den Weihnachtsdienst als etwas besonders Wertvolles. Die Dankbarkeit ist spürbar intensiver als an gewöhnlichen Tagen. „Man merkt an Weihnachten, wie sehr die Menschen es schätzen, dass jemand da ist. Diese Momente geben viel zurück“, sagt Thorsten Leiter. Sein Vater fasst es ähnlich zusammen. „An solchen Tagen ist die Apotheke nicht nur ein Ort für Medikamente. Sie ist dann auch ein Ort der Nähe und des Verständnisses.“
2026 wird die Familie Leiter erneut den Notdienst an Heiligabend und Silvester übernehmen. Dann entstehen neue Geschichten zwischen Verbandsmaterial und Vanilleduft. Sicher ist schon jetzt: Auch in Zukunft bleibt der Weihnachtsdienst ein leiser, unverzichtbarer Beitrag zur Versorgung im Rems-Murr-Kreis.

Axel Kröninger