Spekulatius statt Spotlight

„Wer sich auf das Chaos einlässt, entdeckt die wahre Schönheit dahinter!“

Wie die Promis das Fest feiern

Bevor nicht der 1. Dezember erreicht ist, ist auch noch keine Weihnachtszeit – zumindest nicht für Kasper Nilsson, Hauptdarsteller des Musicals „We Will Rock You“ im Stuttgarter „Stage Palladium-Theater“. Die Lebkuchen in den Regalen der Supermärkte, die Weihnachtsdeko, Musik – Nilsson wartet ab, bis „seine“ Weihnachtssaison anbricht. „Ich bin da sehr begrenzt, meine Schwester macht das genauso“, verrät der Musical-Star aus Norwegen. „Genau das macht die eigentliche Saison noch sehr viel spezieller und besonderer für mich. Man hat diese Atmosphäre sonst nie, außer in diesem einen Monat, im Dezember. Es umgibt einen, es strömt auf einen ein. Aber eben nur zu dieser Zeit.“ Wie er Weihnachten auskostet und was das Fest für ihn bedeutet, verriet uns Kasper im Interview.

Woher diese zeitliche Limitierung der Weihnachtszeit kommt, vermag Kasper Nilsson heute nicht mehr zu sagen. Vielleicht hat es etwas mit dem Adventskalender zu tun, den er als Kind von seiner Oma bekam: „Sie hat unter jedes der Türchen aus Stoff einen Ring genäht, daran waren dann die Geschenke befestigt“, erinnert sich der Musical-„Galileo“. „Dieser handgemachte Adventskalender steht für viele Jahre schöner Geschenke und Erinnerungen.“ Und dann kommt dieser eine Satz, der ein Anhaltspunkt sein könnte, weshalb Nilsson seit der Kindheit allein den Dezember als Weihnachtszeit begreift: „Es war für uns immer etwas ganz Besonderes, am Morgen des 1. Dezember aufzuwachen die Geschenke am Adventskalender vorzufinden.“

Weihnachten und die Adventszeit empfindet der Norweger als eine speziell und emotional extrem wichtige Zeit. „Von heute auf morgen sind ganze Städte in eine völlig andere Atmosphäre getaucht: die Stimmung, die Musik, das Essen, die Leute – alles verändert sich so elementar wie sonst zu keiner anderen Zeit im Jahr.“ Indem er diesem Stimmungswechsel nur eine sehr begrenzte Zeit zugestehe, sei es ihm umso mehr möglich, jedes Detail davon auszukosten. „Ich brauche einen definitiven Beginn und ein definitives Ende – das macht den Monat Dezember und Weihnachten noch bedeutungsvoller.“

Coming home für Christmas

Oftmals wird Kaspers Weihnachtszeit indes auch beruflich bestimmt: „Ich habe die letzten vier Jahre das Weihnachtsfest nicht zuhause verbringen können. Eines der Feste habe ich sogar weit weg auf einem Kreuzfahrt-Schiff verbracht, wo ich engagiert war.“ Und mit einem entschlossenen Lächeln fügt er hinzu: „Dieses Jahr werde ich definitiv zu Weihnachten nach Hause kommen.“ Zwar wolle er die Zeit auf dem Schiff nicht missen – schon deshalb, weil er dort seine Ehefrau kennenlernte. Umso größer ist Kaspers Vorfreude auf das anstehende, für ihn ganz besondere, Weihnachtsfest: „Es wird das erste echt norwegische Weihnachtsfest meiner Frau bei mir und meiner ganzen Familie sein – mit unserem ganz speziellen Weihnachtsessen.“

Durchgetaktete Festtage

Besagtes Festessen sei eine Tradition vieler norwegischer Familien. Und wenn Kasper zuhause ist, hat er die Kochmütze auf: „Das Fleisch ist von der Schweinerippe, ein sehr geschmackvolles Stück. Zwar treffen wir einen Teil der Vorbereitungen fürs Festessens am Vorabend. Trotzdem stehen mein Onkel und ich dann am 24. Dezember früh morgens auf, machen alles fertig, damit das Fleisch pünktlich um 10 Uhr in den Ofen kommt.“ Dort gare es dann 7 Stunden lang. Zwischendurch widme er sich den Beilagen. „Und es bleibt auch noch viel Zeit, um mit meinem Onkel und den Cousins bei Schnee draußen Schlitten zu fahren, oder drinnen Brettspiele zu spielen. Das ist für mich die perfekte Quality-Time.“
Aktiv zu bleiben, das scheint in Kaspers Weihnachtsablauf umso mehr von Bedeutung zu sein, da vermutlich nur so all das Essen zu verarbeiten ist, das auf den Tisch kommt. Die Weihnachtstournee beginne mit einer Reise nach Italien, wo er mit seiner Ehefrau deren Familie besuche. Alsbald hebt der Flieger nach Norwegen ab, wo Kasper zunächst die Familie seines Vaters besuche und sich in Oslo zu einem Weihnachtsessen mit Freunden aus früheren Zeiten treffe. Am 23. Dezember fahre er dann zu seinem Onkel nach Hause, wo die ganze Familie zwei Tage lang zusammen sei und die Weihnachtstraditionen – gutes Essen, Gespräche, Ballspiele – in vollen Zügen auslebe. „Am Vormittag des 25. Dezember reisen wir zurück nach Stuttgart, weil ich am 26. wieder auf der Bühne stehe.“ Klingt nach einem streng durchgetakteten Zeitplan. „So ist das eben, wenn man sich dafür entscheidet, im Ausland zu arbeiten“, weiß Kasper. „Fährt man mal nach Hause, ist es wichtig, so viele Menschen wie möglich zu treffen, die einem etwas bedeuten. Es wird ein sehr beschäftigtes Weihnachtsfest – aber auch eine erfüllende Zeit, wenn man all die Menschen in seinem Herzen, die man vermisst hat, wiedersieht.“

Wette verloren – Musical-Star

Seine Arbeit im Ausland, die Karriere auf der Musical-Bühne, deren Beginn markiert eine offene Schuld: „Naja, ich hab ‘ne Wette verloren“, verrät Kasper und lacht. Als er mit 17 Jahren einer Amateur-Theatergruppe beitrat, war das die Einlösung seiner Wettschuld bei einer Freundin, die ihn unbedingt dabeihaben wollte. „Worum es da ging, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls musste ich die Audition besuchen.“ Im Rückblick betrachtet, war’s ein Glücksfall: „Bei den Proben wurde mir bald bewusst, dass dies der Platz ist, wo ich hingehöre.“

Der Weg für Kasper war steinig. Obwohl er bereits auf dem Musical-College für die deutsche Bühne entdeckt wurde, bremste vor allem Corona seine Karriere mehrfach aus. Die Hauptrolle in „We Will Rock You“ erscheint da wie ein Befreiungsschlag. „Die kraftvolle Musik von Queen begleitet mich schon mein ganzes Leben.“ Von der Figur des „Galileo“ fühlte er sich besonders angesprochen – und wurde vom Ehrgeiz gepackt, „meine ganz eigene Version von diesem Charakter zu kreieren.“ Das sahen die Produzenten im „Stage Palladium-Theater“ in Stuttgarter ganz ähnlich: Seit Oktober ist Kasper Nilsson dort im Hauptcast der Show „We Will Rock You“ zu erleben.

Vom Spirit der Weihnachtszeit

Obwohl Deutschland nicht seine Heimat ist, komme ihm hier in der Weihnachtszeit doch einiges recht vertraut vor: „Die Weihnachtsmärkte sind ähnlich zu denen in Norwegen. Es bringt einen gut in Weihnachtsstimmung, Gerüche, Atmosphäre und Energie auf sich einströmen zu lassen. Man spürt den Geist der Weihnachtszeit. Es hilft den Menschen, diesen Spirit wieder in sich zu entdecken.“ Kasper genießt es, die Energie und die Stimmung in der Stadt zu spüren: „Und es ist toll zu beobachten, was es mit den Menschen macht.“

Wovor manche Menschen flüchten – Stress, Advents-Atmosphäre, Fest-Fröhlichkeit – all das hat Kasper gelernt, es in der für ihn festgelegten Weihnachtszeit zu genießen, zu umarmen, auszuleben: „Weihnachten bedeutet für mich ein bißchen Chaos. Wer sich auf dieses Chaos einlässt, entdeckt erst die wahre Schönheit dahinter.“

Um diese Stimmung in ihm zu wecken zelebriert er viele liebgewonnene Weihnachtstraditionen: „Wir planen und bauen mit der ganzen Familie ein Lebkuchenhaus, wir schauen Weihnachtsfilme und wir schmücken den Christbaum.“ In Norwegen sei das stets ein echter Baum: „Das ist mir lieber, weil das einen ganz besonderen Geruch ins Wohnzimmer bringt!“ Seine Stuttgarter Wohnung bekäme aber immerhin noch ein Plastik-Bäumchen dekoriert. „Das bringt wenigstens so ein klein wenig Atmosphäre.“

Geschenke und ihr Zauber

Bestenfalls als „nette Dekoration unterm Baum“ empfindet Kasper heutzutage die Geschenke. Als Kind habe er in der Adventszeit gerne im Haus herumspioniert, um die versteckten Geschenke zu finden. „Meine Eltern wussten das ganz genau!“ So kam es, dass er einmal im Keller ein „wirklich großes Geschenk“ vorfand: „Daran hing ein Schildchen: Von meinem Vater für meine Mutter. Das hat mich sehr beschäftigt: Was ist das nur? Wieso bekommt sie so ein großes Geschenk?“ An Heiligabend stand dieses Geschenk hinter dem Baum an die Wand gelehnt. „Ich war so aufgeregt, was es sein würde. Und erst, als mein Vater das kurz vorher ausgetauschte Schildchen vorlas, erfuhr ich, dass es für mich war.“ Es war ein Snowboard. „Im Rückblick erinnere mich aber weniger an das Geschenk, sondern viel mehr das Gefühl, als ich es entdeckte“, beschreibt Kasper die Magie. „Die Größe, die Form, die Neugierde – und dann die Enthüllung. All das werde ich nie vergessen.“

Einen Hauch des damals empfundenen Zaubers empfinde er wieder, wenn er seinen jüngeren Cousins zusehe, wie sie ihre Weihnachtsgeschenke auspackten. „Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu viele Geschenke sind, und ein Teil der Wertschätzung verloren geht.“ Er selbst genieße an der Bescherung vor allem die gemeinsam verbrachte Zeit mit einem Fokus weg vom Smartphone und hin auf das verbindende Erleben: „Man lässt sich auf diese Situation miteinander ein, ist ganz bei sich“, erklärt er. „Je älter ich werde, desto unwichtiger werden mir Sach-Geschenke – und das wertvollste Geschenk, das ich besonders schätze, ist für mich die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen darf.“

Turbulent, aber sehr wertvoll

Seine Momente mit der Familie, mit Freunden in der Heimat, sind für Kasper Nilsson rar geworden. „Umso wertvoller ist für mich der Heiligabend, wenn so viel Familie auf einem Fleck ist. Alles ist laut, es wird rumgerannt, viel Chaos, viel zu viel Essen!“ Er lächelt bei der Vorstellung: „Wenn man von dieser Szenerie einen kleinen Schritt zurücktritt, sich bewusst umschaut und wahrnimmt, was einem dieser Tag alles an positiver Energie gibt – das bedeutet mir viel mehr als alle Weihnachtsgeschenke der Welt.“

Mathias Schwappach