
Kennen Sie schon … die Rondos?
Inhaltsübersicht
„Manege frei“ für die Rondos! Oder muss es nicht vielmehr „Auf die Plätze, fertig, los“ heißen? Beide Startsignale passen für die Backnanger Schleuderbrettgruppe, die sich zwischen Akrobatik und Sport bewegt. Wir waren bei einem Training dabei.
Am westlichen Stadtrand Backnangs, am Ende der Fabrikstraße, wenn man meint, da kommt nichts mehr – genau dort kommt sehr wohl noch was: In einer rund 150 -jährigen Fabrikhalle des früheren Lederfabrikanten Carl Gottlieb Kaess trainieren Moritz Geyer, Jakob Fischer, Jana Schade und Isabell Zwenig – genannt die Rondos – auf dem Schleuderbrett. Sie brauchen den hohen Raum für gewagt aussehende Sprungmanöver. Die vier jungen Backnanger führen mit ihrem Trainer und Urgestein Wolfgang Schaal eine fast 100-jährige Tradition in einer nicht alltäglichen Sportart mit viel Nähe zur Akrobatik fort.
„Herzenswunsch: dass es weiterlebt“
Lässig gekleidet, aber hochkonzentriert steht Moritz auf Stelzen, bereit für einen Salto rückwärts vom Schleuderbrett – ein langes Holzbrett, in der Mitte gelagert wie eine Art Wippe. Der akrobatisch durchtrainierte 27-Jährige muss top ausbalanciert sein, um sich auf einem Ende der Wippe zu positionieren. Sein Stand ist fest, ebenso fokussiert sein Blick zu den Teamkollegen Isabell und Jakob, die ihm gegenüber auf einem zwei Meter hohen Metallbock, dem sogenannten „Sprungturm“ auf sein Startzeichen warten. Man hört die mentale und körperliche Anspannung fast knistern. „Fertig“ sagt Moritz und in derselben Zehntelsekunde springen Isabell und Jakob Schulter an Schulter ab aufs andere Brettende. Das Brett ist seit fast 50 Jahren dasselbe, schon der heutige Trainer Wolfgang Schaal ist darauf gesprungen. Für den „Ü70er“ sind die Rondos seit 1975 „ein sportliches Zuhause“, das „Akrobatik-Virus“ hält ihn jung. „Es ist mein Herzenswunsch, dass es weiterlebt, darum trainiere ich die Youngsters und bekomme mit, wie es sich weiterentwickelt.“ Die Gruppe möchte gerne größer werden – unter anderem, weil mehr Sprungelemente in die Choreographie eingebaut werden können. Neue Mitmacher sind herzlich willkommen.
Kreative Bewegungskunst und Körperspannung
Exzellente Körperspannung brauchen die „Springer“, um mit „dosierter Wucht“ den „Flieger“ optimal in hohem Bogen nach oben zu katapultieren. Der Rückwärtssalto von Moritz gelingt, er landet sicher auf der Matte – und bleibt wackelfrei stehen. Mit den Stelzen ist er um 80 Zentimeter gewachsen. Rund zehn Kilogramm an den Beinen muss er zusätzlich in die Luft bringen. „Eigentlich ein Standardsprung, aber es hat ein Jahr gedauert, bis es sehenswert aussieht“, sagt er. Seit dem siebten Lebensjahr sei er dabei. So oft es Studium und Freizeitplanung zulassen, feilen sie an rund 19 Sprüngen für ihre Choreographie. Während ihrer „Mamipause“ kommt auch Jana mit Tochter Theresa vorbei – auch die Sechsjährige scheint das „Akrobaten“-Virus zu haben. Sie stößt sich auf ihren kurzen Kinderbeinen vom Brett ab und lernt das Landen – selbstverständlich noch gesichert von einem Seil. Wenn sie so emsig dabei bleibt, wird sie es eines Tages auch ohne Seilhilfe hinbekommen.
Grundvoraussetzung: Viel Geduld und Spaß an der Sache
Hat jeder das Potenzial zum Schleuderbrettartisten? „Eine riesige Portion Mut, Können und Körperbeherrschung muss man schon mitbringen“, erzählt Schaal. Dazu Basics wie Kondition, Beweglichkeit und Muskulatur. Talent allein sei nur die halbe Miete. „Es gibt so viele Sprünge und Varianten, die immer wieder wiederholt werden müssen, dafür braucht’s Geduld und Spaß.“ Die heutige Besetzung trainiert in weiten Jeans und wählt bei Auftritten Fliege statt Krawatte. Einige Sprünge aber seien noch immer tupfengleich wie zu seiner Zeit, weiß Schaal. „Ich weiß, wie gut es sich anfühlt.“
„Exoten“-Sportart zum Kopfabschalten und Spaßhaben
Viel Zeit und Anfahrtsstrecken werden investiert. Moritz studiert im fränkischen Erlangen, Jakob macht im Landkreis Ludwigsburg eine Ausbildung. Ihre Trainingszeiten organisieren sie meist spontan, doch auch wenn sich ein fixer Tag nicht durchhalten lässt, achten sie darauf, eine Regelmäßigkeit hinzubekommen. „Weil es cool ist“ meint Isabell, die über ein Kinderferienprogramm dazukam und hier Momente erlebt, „in denen ich alles, was mich beschäftigt, loslassen und den Kopf ausschalten kann.“ Sie komme aus dem Turnsport, da zähle Wettbewerb. „Hier gibt es keinen Konkurrenzkampf, es macht einfach nur Spaß.“ Moritz ergänzt: „Ich kenne keinen anderen Sport, bei dem man so lange fliegen kann.“ Jakob genießt den „Exotenstatus“, den er auch bei seinen weiteren Hobbys BMX-Radsport und Turmspringen mag.
„Sie könnten in jedem Varieté auftreten“
Die Gruppe kann auf viele Meilensteine in ihrer fast 100-jährigen Historie blicken (https://rondos.woremo.de/index.php/geschichte). Ein Highlight: Die Teilnahme bei den Deutschen Meisterschaften. Darüber ist vermerkt: „Jeder Salto saß exakt, jeder Sprung wirkte wie ein Kanonenschlag. Der Schlussbeifall war eine Ovation.“ Diesen Applaus hat aus seiner Sicht auch die „next Generation“ verdient: „Die könnten vom Leistungsniveau und ihrem Programm her in jedem Varieté auftreten.“
von Heidrun Gehrke
Kontakt für Interessierte
Die aktuelle Besetzung trainiert in der Regel montags, mittwochs und/oder freitags ab 18 Uhr im Kesselhaus des ehemaligen Lederfabrikanten Kaess (Fabrikstraße 86) auf dem Areal „Gewerbepark Backnang“.
Ein Schild weist den Weg. Interessierte können sich bei Wolfgang Schaal melden:
07194 / 91 10 40 oder ws@woremo.de.
Die Trainingszeiten können variieren.
„Bald 100 Jahre Rondos in Backnang“
2028 steht das 100-Jährige der Rondos bevor. Die im Jahr 1928 von Otto Rapp und Otto Haffner gegründete Gruppe hat für einige Meilensteine in der hiesigen Sportgeschichte gesorgt. Als Fünferteam (Kurt Freimann, Otto Gier, Ernst Heinz und die „Flieger“ Klara Widmer und Horst Sachs) haben sie es sogar mal zur Teilnahme bei den Deutschen Meisterschaften geschafft. Zu sehen waren sie unter anderem bei einem TV-Auftritt in den 1950er-Jahren, bei Sportpressefesten und auf einem Wahlkampfauftakt. 1964 führte sie eine Tournee anlässlich der Olympiade sogar bis nach Japan. 1968 löste sich die Gruppe für einige Jahre auf. 1975 kam es auf Initiative von Otto Gier zur Wiederbelebung: Zusammen mit Horst Sachs, Kurt Freimann, Winfried Adolph und Wolfgang Schaal, der sich heute als Trainer für den Fortbestand der Tradition einbringt, ging es weiter.
Vom Kindergeburtstag bis zur Hochzeit, vom Firmenevent bis zum städtischen Neubürgerempfang haben die heutigen Rondos für Erstaunen und Begeisterung gesorgt. Auch über Schulprojekte wie das Ferienprogramm führen sie die Sportart weiter – auch, um den gewünschten Nachwuchs zu mobilisieren.
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